Wo liegen die Wurzeln der sexuellen Einvernehmlichkeit?
In den 1970er Jahren wurden, ausgehend von feministischen Kreisen, erste öffentliche Kampagnen für den sexuellen Konsens laut.
In einer klaren Ablehnung von sexualisierter Gewalt traten Forderungen nach sexueller Einvernehmlichkeit in den Vordergrund. Zu dieser Zeit entstanden viele Hilfsprojekte für Betroffene von sexualisierter Gewalt und vorbeugende Konzepte wurden erarbeitet.
NEIN HEIßT NEIN!-Konzept
Zu Beginn der 1990er Jahre wurde die bis dahin oft verbreitete Haltung „Frauen meinen oft Ja, obwohl sie Nein sagen“ kritisiert. Ausgangspunkt waren massiv häufig auftretende Vergewaltigungen innerhalb von Partys, die in Studentinnen*verbindungen stattfanden. Dabei wurde oft den von Vergewaltigung betroffenen jungen Frauen* die Schuld bzw. Mitschuld gegeben (Schuldumkehr). Vor diesem Hintergrund wurde der Slogan „NEIN HEIßT NEIN“ in den Mittelpunt gestellt.
Kritik am NEIN HEIßT NEIN-KONZEPT
- Das „Nein heißt Nein-Konzept“ wurde von vielen Seiten als nicht ausreichend gesehen, da ein „Nein“ meist bewusst übergangen wird und der Grund von sexualisierter Gewalt nicht darin zu finden ist, dass ein „Nein“ nicht gehört wird.
- Ein weiterer Kritikpunkt liegt darin, dass ein „Nein“ bereits einen Schritt zu spät ansetzt, weil es dabei bereits zu Situationen gekommen ist, in welche übergriffige Handlungen stattfinden. Die Betroffenen werden dafür verantwortlich gemacht, sich zu wehren, doch sollte es schon nicht so weit kommen, dass dies nötig wird.
- Zudem wird übersehen, dass es nicht immer leicht fällt „Nein“ zu sagen und die Gefahr besteht, dass sich Betroffene von sexualisierter Gewalt selbst die Schuld zuschreiben, indem sie der Meinung sein könnten, nicht laut und deutlich genug ein „Nein“ geäußert zu haben.
Zustimmungskonzept – JA HEIßT JA!
Aus der Kritik am „NEIN HEIßT NEIN-Konzept“ heraus, entwickelte sich das Zustimmungskonzept – das „JA HEIßT JA!-Konzept“, bei welchem im ersten Schritt das Einverständnis der Beteiligten für sexuelle Handlungen eingeholt wird.
- Hier muss zunächst gefragt werden, ob Handlungen auch tatsächlich für alle Beteiligten passen.
- Es beinhaltet auch die Forderung, dass zu jeder Zeit Handlungen unterbrochen werden können.
- Dieses Konzept verhindert, dass ein Schweigen nicht als Zustimmung interpretiert werden kann.
Die Umsetzung des JA HEIßT JA!-Konzepts setzt voraus, dass du genau weißt, was dir gut tut und wo deine Grenzen liegen, aber auch dass du lernst dies zu kommunizieren.
Hauptkritik am JA HEIßT JA!-Konzept
- Kritiker*innen sind der Meinung, dass man sich zu sehr auf die sprachliche Form der Zustimmung konzentriert und andere Formen zu wenig berücksichtigt werden. So werden Menschen, die sich sprachlich wenig bis gar nicht ausdrücken können, nicht bedacht.
- Auch wird nicht beachtet, dass ein JA durch Normen, durch Verhaltensmuster, die aus der Not erlernt wurden, oder durch Abhängigkeiten längst nicht gleichbedeutend ist wie ein lustvolles JA.
Macht- und Herrschaftsverhältnisse
In aktuellen Auseinandersetzungen mit dem Thema wird auch verstärkt auf die Wichtigkeit von Macht- und Herrschaftsverhältnissen hingewiesen. Immer wieder wurden und werden einzelne Personen und Gruppen unterdrückt. Oftmals wurden oder werden ihnen sogar gesamtgesellschaftlich weniger Rechte und weniger Selbstbestimmung zugestanden.
Diese Ungleichheiten haben Einfluss auf unsere sozialen Rollenmuster und führen dazu, dass einige Menschen es für selbstverständlich erachten, sich auch in ihren sexuellen Aktivitäten anderen unterzuordnen.
Aus diesem Grund solltest du hinterfragen, wo Machtverhältnisse in deinem Leben eine Rolle spielen und deine Denk- und Verhaltensweisen beeinflussen.
Enthusiastische Zustimmung – Begeistertes JA
Hier geht es nicht nur um die Zustimmung mit einem bloßen JA, sondern darum, dass die Beteiligten etwas aktiv und mit einem Begehren, mit einer Begeisterung, möchten, die sich in der Art des JAs widerspiegelt.
- Ein sprachliches JA reicht in diesem Konzept nicht, denn es müssen Mimik und Körper mit beachtet werden.
- Echte Zustimmung geschieht auf der Basis der Lust.
- Es soll durch Nachfragen ein Raum für „Nein“ und „Ja“ geschaffen werden.
- Vor, während und nach dem Sex wird aufeinander geachtet und sprachlich und auch körperlich auf einen sensiblen Umgang mit den Bedürfnissen und Grenzen geachtet.
- Achtsamkeit ist wichtig! Es können sich Bedürfnisse auch während des Sex ändern, dann sollte eine Pause oder vielleicht sogar ein Stopp eingelegt werden.
- Auf unangenehme Gefühle zu hören und sich Zeit zu geben herauszufinden, wie man damit im Moment am besten umgeht, sind wesentliche Eckpunkte dieses Ansatzes.
Bedeutungsvoll ist, dass sich trotz Achtsamkeit und einvernehmlichen Dialog Situationen ergeben können, die unangenehm und nicht erwünscht sind. Dies ist allerdings von beabsichtigten Grenzverletzungen zu unterscheiden, sofern Einsicht gegeben ist, daraus gelernt wird und das gleiche Verhalten nicht bewusst wiederholt wird.
Kritik an „Enthusiastischer Zustimmung“
- Menschen, die sich ganz bewusst für eine Zustimmung für sexuelle Handlungen entscheiden, obwohl sich ihre Begeisterung in Grenzen hält, finden hier keine Berücksichtigung.
- Zudem können Unsicherheiten oder neue Situationen dazu führen, dass ein begeistertes JA nicht ausgedrückt werden kann, man sich aber dennoch auf die sexuelle Handlung einlassen möchte, um herauszufinden, ob daraus noch Lust und Begeisterung erwachsen können.